Category Archives: Nachlese

Zum Mitsingen

Karin

Gastsalonière Andrea Wienhaus, Bildungshistorikerin mit besonderer Expertise auf dem Gebiet der gesellschaftlichen Bedingungen in den 1960er Jahren, gewährte den Gästen des Kaffeehausgesprächs interessante Einblicke in Leben und Werk von Bob Dylan. An Text- und Musikbeispielen (Dank an die Technik!) wie „Who killed Davey Moore“ und „Mr. Tambourine Man“ wurde deutlich, dass Dylans Kunst in der Offenheit für Interpretationen bei gleichzeitiger Positionierung besteht. Das macht seine Songs über Generationen und auch in einer radikal veränderten Welt wirksam. In der Diskussion wurde die Frage aufgeworfen, ob der heutige Musikmarkt einen Musiker bzw. eine Musikerin wie Dylan überhaupt zulassen würde. Dass es genug Themen gäbe, mit denen sich Künstlerinnen und Künstler kritisch und im Sinne einer Weltverbesserung (Stichwort Ideale) beschäftigen könnten, daran zweifelt wohl niemand. Das Gespräch kreiste auch darum, ob es sich bei Dylan um eine durch Selbstmystifikation erfolgreich gewordene Figur handelt oder um einen quasi mythischen Helden.  Und natürlich wurde die Frage gestellt, ob er den Literaturnobelpreis verdient hat oder ob der nicht doch eher Leonard Cohen zugestanden hätte. Ich bedanke mich noch einmal bei der Gast-Gastgeberin und bei allen, die mitgedacht, -geredet und -gesungen haben für den anregenden Abend!

Von Jelinek zu E. T. A. Hoffmann

Karin

Das September-Kaffeehausgespräch stand im Zeichen von Elfriede Jelinek und wurde von Daniela Strigl eingeleitet und geleitet. Eine Stunde des gebannten Zuhörens, interessierte Fragen und erhellende Antworten, sowie der feste Vorsatz einiger Salonbesucher, es jetzt wirklich auch selbst einmal mit den sperrigen aber durchaus auch komischen Jelinek-Texten zu versuchen, waren die Folgen.

Ganz ohne mein Zutun und durch einen überraschenden Ideengeber kam für den nächsten Termin das Thema “E. T. A. Hoffmann” auf. Wir werden uns also dem vielseitigen Autor des besten Hypertexts des neunzehnten Jahrhunderts (Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern [1821]) widmen. Details gibt es demnächst hier im Blog und per Newsletter.

Komplizierter Charakter

Karin

Wieder hat ein Thema der österreichischen Literatur des neunzehnten Jahrhunderts im Hamburger Salon Interesse erregt. Ich habe über Franz Grillparzer gesprochen, einen Autor, der in deutschen Gefilden wenig bekannt ist. Von der Überlegung, wie er zum österreichischen Nationaldichter geworden ist über sein schwieriges Liebesleben bis hin zu der Geschichte mit den Oleandern, die ihm das Fortkommen in der Schule gesichert haben (Bestechungsgeschenk an den Prüfer), habe ich in einer Stunde einen Bogen gespannt, aus dem sich die Gäste des Kaffeehausgesprächs bedienen konnten. Dabei zeigte sich deutlich, dass Grillparzers komplizierter Charakter interessant ist. Die Widersprüchlichkeit seiner Person fasziniert und sie drückt sich auch in der Vielfalt seines literarischen Schaffens aus.
Den Salongästen danke ich für ihr aufmerksames Zuhören, ihre Ergänzungen und Fragen. Ich habe wieder viel gelernt. Abschließend möchte ich ein Gedicht mit Ihnen teilen:

Kuss

Auf die Hände küßt die Achtung,
Freundschaft auf die offne Stirn,
Auf die Wange Wohlgefallen,
Sel’ge Liebe auf den Mund;
Aufs geschloßne Aug’ die Sehnsucht,
In die hohle Hand Verlangen,
Arm und Nacken die Begierde,
Uebrall sonst hin Raserei!

Franz Grillparzer: Sämtliche Werke, Bd. 1, S. 164

 

Marie von Ebner-Eschenbach intensiv

Karin

Das neue Salonkonzept hat sich bewährt. Allerdings kam es ganz anders, als ich gedacht habe. Am Ende meines Vortrags, den ich mit kurzen Passagen aus dem Werk Marie von Ebner-Eschenbachs angereichert habe und der immerhin eine Stunde gedauert hat, ist das Kaffeehausgespräch nicht etwa auseinandergeflossen und abgedriftet, hin zu anderen Themen. Vielmehr gab es interessante Beobachtungen und Fragen und am Ende hatten wir uns zwei Stunden lang intensiv mit Ebner-Eschenbach befasst.

Konkret ging es um vier Punkte. Zum ersten um Krambambuli und dass das mehr ist als Sozialkritik.  Dann um die absolut lesenswerte Erzählung Das tägliche Leben (1908) und in diesem Zusammenhang um kluge Frauen. Außerdem um die Potenz des Schreibens und wie sich die in Meine Kinderjahre manifestiert. Und zum Abschluss um Aus Franzensbad und die literarische Parodie, wobei wir da in Karlsbad hängengeblieben sind.

Ich empfehle allen Interessierten Daniela Strigls Biographie. Und vor allem: Lest Marie von Ebner-Eschenbach!

Es wird weitergehen mit dem Kaffeehausgespräch in dieser Manier, mit einem Abend zu Franz Grillparzer, dem einzigen österreichischen Klassiker. Details bald hier im Blog und per Newsletter.

Zensur: Das Thema vor der Sommerpause

Paul

Paul hat uns drei Beispiele von Zensur in Nordamerika gebracht: Abraham Foxman von der Anti-defamation League und  Peter Gelb, Chef der Metropolitan Opera, haben über die Oper “Death of Klinghoffer” von John Adams gesprochen.  Gelb hat entschieden, die weltweit Liveübertragung (mehr als 2000 Kinos) abzusagen. In der Oper waren Meinungen von Palästinensern  und Juden geäußert worden. Die Oper sei nicht anti-semitisch, trotzdem fürchtete Gelb die Reaktion der Leute. Foxman hat zugegeben, dass er die Oper nicht gesehen hat.  Die Oper stammt aus dem Jahr 1985 und damals gab es wenige Proteste. Adams war empört.  Die Leute sollten für sich selbst entscheiden, was sie von der Oper halten.

Die Toronto Symphony hat die Pianistin Valentina Lisitsa  gefeuert (eine Ukrainerin aber ethnisch russisch), weil sie ihre Meinung über den Krieg in der Ukraine über Twitter geäußert hat.  Das fanden einige Ukrainer “offensiv”. Interessant, dass die weltberühmten Künstler Valery Gergiev (Dirigent) und Anna Netrebko (Opernsängerin) keine Probleme mit der Metropolitan Opera haben, obwohl beide Vladimir Putin unterstützen.

Nur drei Tage vor der Uraufführung hat das New York Youth Orchestra ein Stück von einem jungen Komponist abgesagt, weil darin für 45 Sekunden das Horst-Wessel-Lied zitiert wurde. Einige jüdische Studenten hatten das beanstandet. Offenbar haben sie nichts von dem Stück, einer Verurteilung des Totalitarismus, verstanden.

Bruce hat uns einen interessanten Brief aus der Nazizeit gezeigt.  Ein Beamter der Reichskanzlei hat einem jüdischen Musiker verboten weiter zu spielen.

Gabi hat uns von dem Buch “Literatur und Zensur in der Demokratie. Die Bundesrepublik und die Freiheit der Kunst” erzählt.  Mike, Universitätsbibliothekar, gibt bekannt, dass die Bibliothek der UC Davis dieses Buch hat.

Die Kaffeehausgespräche in Davis machen im Juni und Juli Urlaub. Weitere Ankündigungen hier im Blog und per Newsletter.

Shakespeare geht immer

Karin

Das Kaffeehausgespräch zum Thema Shakespeare war ein äußerst anschauliches, da sich unter den Gästen mehrere bühnen- bzw. filmerfahrene befunden haben. So konnten wir etwas über die Schauspielkunst lernen (nein, sich den Text zu merken, ist nicht die schwierigste Aufgabe) und haben einen Einblick in die Arbeit von Laientheatern bekommen. Wir sind den genauen Gründen für die dauernde Faszination, die Shakespeares Stücke seit ihrer Rettung vor dem französischen Regeltheater durch die Salonière Lady Elizabeth Montagu („An Essay on the Writings and Genius of Shakespear“, 1769) ausüben, nicht auf die Spur gekommen, aber über eines waren wir uns am Ende dieses äußerst anregenden Abends einig: Shakespeares Werke überstehen auch krude Versuche der Aktualisierung.

Und hier noch ein paar Hinweise:
Wer wissen will, was wir alles nicht über Shakespeare wissen, lese Bill Bryson: “Shakespeare – wie ich ihn sehe” (2008)
Wer wissen will, warum Shakespeare ein Deutscher ist, lese Frank Günther: “Unser Shakespeare” (2014)

Die ultimative Erklärung für Shakespeares Erfolg findet sich allerdings in einem YouTube-Video, Dauer 5 Minuten: Shakespeare sketch – A Small Rewrite.

Frühlingspause

Ja, das gibt es auch – die Frühlingspause. Die machen die Kaffeehausgespräche in Hamburg im März. Bei dem Gespräch im Februar, das dem Thema Kreativität gewidmet war, war der allgemeine Konsens, dass jeder Mensch auf eine bestimmte, individuelle Art kreativ ist. Und dass sich Kreativität frei von äußeren Zwängen entfaltet. In diesem Sinne wird es mit den Kaffeehausgesprächen in Hamburg in einigen Wochen weitergehen, kreativ und frei. Das Thema und der Termin werden hier und per Newsletter angekündigt.

So. Das war das Kaffeehausgespräch über erste Sätze

Karin

Gestern ging es im Hamburger Kaffeehausgespräch um erste Sätze. Nach den einleitenden Ausführungen über die Möglichkeit und Unmöglichkeit dem fertigen Buch anzusehen, ob der erste Satz als erstes, als letztes oder irgendwann in der Mitte des Schreibprozesses entstanden ist, über Fontanes Kameraperspektive und Tolstois allgemeine Beobachtungen, blieb das Gespräch eng am Thema.

Wir hörten erste Sätze von Melville und G. Bakker, von Thomas Mann, Daphne du Maurier und von der österreichischen Autorin Marlen Schachinger, aber auch ein Zitat aus dem Anfangsmonolog von Goethes Faust.

Ob der erste Satz kurz zu sein hat, wie es im creative writing üblicherweise gefordert wird, oder nicht, darüber waren sich die Salongäste nicht einig. Wohl aber darüber, dass er Neugier wecken sollte und dass der Anfang eines Romans eine ähnliche Funktion hat wie die Ouvertüre einer Oper und deshalb dem Ton des Werks entsprechen sollte.

Wir konnten neue Salongäste begrüßen, aber auch die Salonière der ersten Stunde, Maria Poets, war endlich wieder einmal dabei und erzählte aus ihrer Schriftstellerinnenpraxis. Ich danke allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern für einen anregenden Abend!

Das nächste Kaffeehausgespräch in Hamburg findet am 19. Februar statt, Näheres wie immer in diesem Blog oder per Newsletter.

Diese Woche in Davis: 25 Jahre Mauerfall

Eva

Das nächste Kaffeehausgespräch in Davis findet diesen Freitag, am 21. November statt. Als Thema schlage ich vor, über den Fall der Berliner Mauer zu sprechen. Dessen 25-jähriges Jubiläum wurde vorletztes Wochenende mit einem großen Festakt in Berlin begangen. Haben Sie von den Feierlichkeiten gehört? Und: Erinnern Sie sich noch an den 9. November 1989? Oder haben Sie Erinnerungen an das geteilte Deutschland und den Kalten Krieg?

Zur Auffrischung, was an jenem 9. November 1989 geschah, empfehle ich die unterhaltsame “Mauerkomödie” auf Spiegel Online.

Kaffeehausgespräch Davis
Wann: Freitag, 21. November 2014, 4-6pm
Wo: Konditorei,  2710 E Fifth Street, Davis

Kommen Sie hin, wärmen Sie sich mit Kaffee und Kuchen, und reden Sie mit!

Und hier noch eine kleine Nachlese zum Oktober-Kaffeehausgespräch in Davis: Am 30. Oktober haben wir in gemütlicher Runde über Halloween gesprochen. Paul hat einen lustigen Fernsehbeitrag und tolle historische Fotos mitgebracht und uns etwas über die Geschichte von Halloween erzählt und darüber, wie es von der deutschen Spielwarenindustrie in Deutschland bekannt gemacht worden ist. Ich habe mich sehr gefreut, auch endlich einmal wieder beim Kaffeehausgespräch dabei zu sein.